N E W S

«Viele unserer Mädchen hätten sich wohl nicht in ein Buben-Team getraut» 

Beim SC Jegenstorf ereignet sich gerade ein kleines Fussballwunder: 2022 spielten 8 Mädchen bei uns im Verein Fussball, weibliche Trainer gab es keine. Heute sind es fast 60 Mädchen, trainiert werden sie von 6 Trainerinnen und 2 Trainern. Und am 6. April wird das erste offizielle Spiel eines weiblichen SCJ-Teams stattfinden, wenn das FF-15-Team in seine erste Meisterschaft startet. Wir haben drei Exponentinnen des Mädchenfussballs beim SCJ ein paar Fragen gestellt. 


Wie seid ihr drei zum SC Jegenstorf gekommen?

Sofia Valentino: Mein Bruder Leonardo hat mich zum SCJ gebracht. Davor war ich im Tanzen, aber das gefiel mir weniger. Fussball fand ich dann sofort genial, weil es ein Teamsport ist und weil ich gerne Neues mit dem Ball ausprobiere.

Fabienne Schneeberger: Bei mir war es der Vater. Er war beim SCJ Fussballer, Trainer, Vorstandsmitglied und zuletzt Präsident. Durch ihn und dadurch, dass ich viele Kollegen hatte, die Fussball spielten, habe ich als 5- oder 6-jähriges Mädchen angefangen.

Shirin Lam-Mojon: Ich habe nie selbst Fussball gespielt, sondern war Volleyballerin. Zum SCJ bin ich als Fussball-Mami gekommen, weil meine Tochter hier Fussball gespielt hat. Als dann die Idee eines Fördertrainings für Mädchen aufkam, weil es nur wenige Mädchen im Verein gab und diese deshalb teilweise auf dem Absprung waren, bin ich als Verantwortliche für den Mädchenfussball eingestiegen.

Und du bist geblieben.

Shirin: In meinem Beruf hatte es früher – wie im Fussball auch – sehr viel mehr Männer als Frauen. Deshalb mussten wir Frauen lernen, wie man «ellbögelet». Wir müssen Selbstvertrauen aufbauen und auch heute noch lernen mutig zu sein und dass es keine Rolle spielt, dass wir Frauen sind, wenn wir Fussball spielen wollen – oder einem bestimmten Beruf nachgehen wollen.

Hörst du das ab und zu, Sofia, dass Fussball kein Sport für Mädchen sei?

Sofia: Mein Bruder sagt mir häufig zum Spass, dass er besser sei und dass ich im 1 gegen 1 keine Chance gegen ihn habe. Das interessiert mich aber nicht. Und in meiner Klasse macht niemand Sprüche, weil ich Fussball spiele.

Fabienne: Bei mir war das vor 20 Jahren extrem, da wurde man als Mädchen im Fussball belächelt. Ich war eigentlich in allen Alterskategorien immer das einzige Mädchen im Team und ich hörte häufig Sätze wie «Schau mal, die haben ja eine Frau im Team!»

Sofia: So etwas habe ich noch nie gehört.

Weshalb spielen heute fast zehn Mal mehr Mädchen beim SC Jegenstorf als vor drei Jahren?

Sofia: Ich denke, es hat vor allem damit zu tun, dass es immer ein Mädchen dem nächsten erzählt hat. Auch sind Mädchen beim Training ihren Freundinnen zuschauen gekommen und haben gesehen, dass das cool ist.

Shirin: Die Entwicklung ist schon beeindruckend. Am Anfang haben alle Mädchen zusammen trainiert. Jetzt sind es drei Altersgruppen, die jeweils für sich trainieren.

Braucht es wirklich reine Mädchenteams in einem Fussballclub?

Fabienne: Es ist wichtig, dass wir beim SCJ reine Mädchenteams bilden können. Viele unserer Mädchen hätten sich wohl nicht getraut, in einem reinen Buben-Team mit Fussballspielen zu beginnen.

Shirin: Viele Mädchen beginnen im Alter von zehn, elf Jahren bei uns im Mädchenfördertraining. Für sie wäre der Einstieg in einem Buben-Team wohl happig. Aber: Die meisten Mädchen im Fördertraining fragen spätestens nach einem Jahr, ob sie mal bei den Buben mittrainieren dürfen, und das finde ich sehr schön: Zuerst kommen sie zu uns ins Mädchenfördertraining, lernen das Fussballspielen kennen und lernen, mutig zu sein. Wenn sie dann sicher sind, dass sie kicken können, dann können sie auch mit den Buben mithalten.

Sofia: Für mich gibt es nichts, was nur Männer oder nur Frauen können. Männer wie Frauen können genauso gut Fussball spielen wie Ballett tanzen.

Im Sommer findet die Europameisterschaft der Frauen in der Schweiz statt. Die Vorfreude ist sicher gross?

Sofia: Ich freue mich sehr, dass die EM hier bei uns stattfindet und dass Italien mitspielt. Ich hoffe, dass ich mit meiner Mutter an ein Spiel der Italienerinnen gehen kann.

Fabienne: Die EM wird dem Schweizer Publikum zeigen, dass Frauenfussball attraktiv ist und Spass macht. Ich hoffe, es wird eine coole EM.

Shirin: Ich habe es geschafft, für alle Gruppenspiele der Schweiz Tickets zu kaufen. Für die Spiele werde ich das Nati-Trikot anziehen, das mir mein Bruder zu Weihnachten geschenkt hat. Auf dem Rücken stehen mein Name und meine ehemalige Volleyball-Nummer, die 11.

Habt ihr eine Lieblingsspielerin, die ihr besonders anfeuern werdet?

Sofia: Ich finde die Spanierin Alexia Putellas super, und Alisha Lehmann gefällt mir auch ein bisschen.

Shirin: Ich mag Meriame Terchoun sehr. Eine Kämpferin und sehr sympathisch. Nach einem Testspiel hat sie mit meiner Tochter und ihrer Freundin ein Selfie gemacht. Noch heute eine schöne Erinnerung für uns alle.

Fabienne: Aus der Nati mag ich Ana Maria Crnogorčević, Lia Wälti und Ramona Bachmann. Mit diesen Namen bin ich aufgewachsen, sie sind Vorbilder. Toll wäre, wenn die beiden jungen YB-Spielerinnen Iman Beney und Naomi Luyet auch dabei sein könnten an der Heim-EM.

Vor der EM findet im April jetzt aber zuerst noch das erste offizielle Meisterschaftsspiel eines Mädchen-Teams in der 50-jährigen Geschichte des SC Jegenstorf statt.

Fabienne: Ich freue mich wahnsinnig. Vor allem darauf zu sehen, welche Fortschritte die Mädchen gemacht haben und darauf, dass sie das Gelernte endlich zeigen können.

Shirin: Diesen Termin werde ich dick in der Agenda eintragen. Ich will unbedingt dabei sein, wenn unsere Mädchen Geschichte schreiben und ihr erstes Meisterschaftsspiel bestreiten. Hoffentlich werden sie von vielen Fans lautstark unterstützt.

Sofia: Ich freue mich sehr auf dieses Spiel. Wir werden alles geben, um dieses Spiel zu gewinnen!

Hinweis: Das erste Heimspiel des FF15-Teams findet am Samstag, 26. April, um 18 Uhr auf dem Gyrisberg statt.


Die drei Gesprächspartnerinnen:

Sofia Valentino (12) ist begeisterte Fussballerin und Stürmerin des SC Jegenstorf. Sie wird das neugegründete FF15-Team als Kapitänin anführen.

Fabienne Schneeberger (31) ist Trainerin des FF-15-Teams und ehemalige Juniorin des SC Jegenstorf. Von Beruf ist sie IT-Supervisor bei der Swisscom Services AG.

Shirin Lam-Mojon (44) ist Initiatorin und Verantwortliche Mädchenfussball beim SC Jegenstorf, dazu Trainerin der FF09-Mädchen und Vorstandsmitglied für das Ressort Freiwillige. Sie ist verheiratet, hat 2 Kinder und ist von Beruf Scrum Master/Agiler Coach bei der Post CH AG Informatik.


Text: Christof Kaufmann 

Foto: Amélie Kaufmann